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Straßenmedizin braucht Peer-Arbeit
Nicht jede medizinische Behandlung wird angenommen. Besonders in der Arbeit mit obdachlosen Menschen kommt es immer wieder zu Abbrüchen oder Verweigerung. Ärzt:innen müssen diese Entscheidungen respektieren - was sie jedoch nicht hinnehmen wollen: dass die Gründe für diese Entscheidungen das eigene Unwissen und vermeidbare Missverständnisse sind.
Genau hier kommen Peers ins Spiel.
Peers - im Englischen „Gleiche“, Menschen auf Augenhöhe - bringen ihre eigenen Erfahrungen von Obdachlosigkeit ein. Sie sind Expert:innen, deren Wissen und Praxis bestehende Angebote in der Obdachlosenhilfe ergänzen. Auch bei MED4HOPE sind sie als echte ExPEERten aktiv.
Im Rahmen einer Ausbildung eignen sich Peers zusätzliches Fachwissen an. Gelebtes Wissen wird so zur reflektierten Expertise - und Peers zu direkten Ansprechpersonen in multiprofessionellen Teams. Damit schlagen sie die Brücke zwischen medizinischem Personal und obdachlosen Klient:innen: Ihre Gegenwart baut Hemmschwellen ab - dort, wo der Weg sonst oft in Unwissen oder Abbruch endet. Sie lesen Situationen, die anderen Fachkräften unverständlich bleiben. Sie beraten, begleiten, entlasten und schätzen realistisch ein, welche Angebote wirklich funktionieren.
Lydia Potmesil
„Ich setze mich zu dem Menschen hin und versuche zu verstehen, warum ein Angebot für ihn nicht funktioniert. Danach kann ich zielgenau intervenieren.“
Robert Vilis
„Das Teilen meiner eigenen Erfahrungen mit Alkohol und Entzug ermöglicht mir einen bestimmten Zugang zu Betroffenen, die anschließend eine stationäre Therapie machen.“
Die Wirkung von Peer-Arbeit ist auch in Wien bereits erfolgreich erprobt. Seit 2018 fördert der Fonds Soziales Wien einen eigenen Lehrgang und die anschließende Anstellung - mit bemerkenswertem Erfolg: Aktuell sind über 70 Peers in rund 40 Einrichtungen tätig, mit einem Schwerpunkt auf sozialen, wohn- und betreuungsbezogenen Angeboten. Auch in niedrigschwelligen, gesundheitsnahen Kontexten, etwa in Gesundheits- und Tageszentren, will man auf wirksame Peer-Arbeit nicht verzichten.
Was aber ist mit den Menschen, die diese medizinische Versorgung gar nicht erreicht?
Die Antwort darauf ist: Aufsuchende Straßenmedizin.
Im Fokus stehen die Würde und Gesundheit jener Menschen, die die gängigen Angebote nicht wahrnehmen können und unsichtbar bleiben. Schwierig erreichbare Patient:innen sind besonders gefährdet. „Gerade in der Straßenmedizin ist Vertrauen und Beziehungsaufbau entscheidend, sowohl für den Zugang zu diesen Gruppen als auch für die Konsistenz von Behandlungen“, sagt Nadj „Laki“ Lajcika, freiwilliger Peer bei MED4HOPE. Seine Mitarbeit wirkt typischen Herausforderungen in der Straßenmedizin entgegen und trägt entscheidend zu ihrem Erfolg bei:
• Angst und Misstrauen weichen Beziehung und medizinischem Zugang
• Schwierig erreichbare Patient:innen können konsistent behandelt werden
• Komplexe Behandlungsabläufe werden zugänglich erklärt und somit oft erst durchführbar
• Ärzt:innen erfahren etwa, warum eine standardisierte Vorgehensweise nicht funktioniert und wie man sie passgenauer gestalten könnte
Robert Vilis
„Man kommt in der Straßenmedizin nicht weit, wenn man nur nach dem Lehrbuch arbeitet: Karosserie ersetzt fehlendes Infusionsgestell, Plastiksackerl ersetzt Fußbad. Pragmatisch um die Ecke denken, das ist wichtig.“
Daher kann auch MED4HOPE nicht auf die hohe Wirksamkeit von Peer-Arbeit verzichten - sie stärkt, was moderne, aufsuchende Straßenmedizin auszeichnet:
Niedrigschwellige, unbürokratische Hilfe
Radikale Kooperation mit gleichgesinnten Partnern
Respekt vor jedem Leben
Auch Laki ist von Peer-Arbeit in der Straßenmedizin überzeugt: „Hier ist es wichtig, ein multiprofessionelles Team zu haben, in dem Expertenwissen, Fachwissen aber auch Erfahrungswissen zusammenarbeiten.“ Der steigende Bedarf sei allerdings größer, als es ihm seine freie Zeit erlaubt. Lydia Potmesil und Robert Vilis würden sich gerne beruflich in Richtung Peers in der Straßenmedizin weiter entwickeln, da auch sie die angesprochene Versorgungslücke sehr kritisch sehen.
„In Wien gibt es kein niedrigschwelligeres Angebot als das von MED4HOPE“, sagt Lydia. „Die Teams warten nicht, bis die Patient:innen zu ihnen kommen. Sie suchen einzelne Patient:innen genau dort auf, wo sie wirklich sind und wo sonst niemand hingeht.“ Auch hier kommt Erfahrungswissen zum Zug: Robert „weiß, wo die Leute sind, wo sie sich zurückziehen. Wenn man das alles selbst erlebt hat, entwickelt man einen Blick, ein Gespür für unsichtbare Orte.“
Solange Robert und Lydia noch nicht hauptberuflich als Peers in der Straßenmedizin tätig sein können, begleiten sie medizinische Fortbildungen und Vernetzungstreffen - etwa der Kammer für Ärztinnen und Ärzte Wien und der Akademie von MED4HOPE. Unwissen und dem Stigma rund um Obdachlosigkeit begegnen sie hier mit wertvollem Erfahrungs- und Hintergrundwissen.
Dr. Monika Stark, Gründerin von MED4HOPE
„Die ExPEERten sind mit ihren Erfahrungen und Sichtweisen eine echte Bereicherung für jede unserer Fortbildungen.“
Was einer modernen Obdachlosenhilfe heute noch fehlt, ist die systematische Einbindung von Peer-Arbeit in die Straßenmedizin.
Was nicht fehlt, sind zahlreiche gute Gründe, die dafür sprechen.
Bisher engagieren sich die Peers von MED4HOPE freiwillig gegen die Benachteiligung - in Absprache mit den Organisationen, in denen sie hauptberuflich tätig sind. Eine moderne, klient:innenorientierte Obdachlosenhilfe muss Peer-Arbeit in der Straßenmedizin jedoch auch strukturell verankern. Eine langfristige Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien wäre daher ein entscheidender Schritt in Richtung eines Wiens, das wirklich allen Mitbewohner:innen eine adäquate Gesundheitsversorgung ermöglicht.
Bis dahin gilt unser großer Dank allen freiwilligen ExPEERten, sowie Spenderinnen und Spendern, die MED4HOPE unterstützen - weil sie auch glauben:
Medizin ist für alle da. Jedes Leben zählt. Keiner wird zurückgelassen.
